Markus Hiereth
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04.2014

Denken Sie selbst - Vince Ebert liefert allen Grund dazu

Mittels Dreisatz die kleinkünstlerische Großanklage der "Klimahysteriker" näher untersucht

Leseprobe aus Denken Sie selbst von Vince Ebert

Und genau aus diesem Grund gehen mir Leute wie Al Gore so auf die Nerven. Weil sie vor lauter Weltretterei die Menschen vergessen. Weil sie von einer Gesellschaftsordnung träumen, in der nicht der Mensch, sondern das Klima an erster Stelle steht. Und weil sie ein Weltbild vertreten, das als grundsätzliche Ursache für die Probleme der Welt allein die Verbreitung des Homo sapiens sieht. (S.89)

Ich befürchte, auch ich bin gemeint. Jedenfalls gehöre ich jenem Lager an, das es als notwendig erachtet, den weltweiten CO2-Ausstoß zu reduzieren. Dabei gebe ich zu, dass auch ich nicht mitreden kann, wenn im Weltklimabericht die Erdatmosphäre als "gekoppeltes, nicht lineares chaotisches System" mathematisch modelliert wird. Aber anders als Vince Ebert verleitet mich die Distanz nicht dazu, die Arbeit der Klimaforscher als zeitgeistigen Hokuspokus abzutun.

Dabei wirkt Vince Eberts Buch über weite Strecken hell. Nur keineswegs nachlassen darf mit dem Selbstdenken, wer mit der Nase darin steckt. Da problematisiert er etwa die Medien- und Informationsgesellschaft.

Was kann man überhaupt noch glauben? Haben Journalisten wirklich Angst vor Pestiziden oder nur vor leeren Seiten? Spielt das Klima verrückt, oder sind es die Klimaforscher ? (S.10)

Wissen eigentlich die Lektorinnen bei Rowohlt, woher Ebert seine Zahlen nimmt?

Wenn die CO2-Bilanz stimmt, ist uns die Umwelt egal. Deswegen ist die Durchsetzung des Kyoto-Protokolls ja auch so wichtig. Das Kyoto-Protokoll basiert im Wesentlichen auf der Idee, zwei Billionen (!) Euro für Maßnahmen auszugeben, die dafür sorgen, dass Bangladesh nicht 2050 absäuft - sondern erst fünf Jahre später. Das ist nicht nur ökonomischer Unsinn, sondern schadet letztlich genau denjenigen, die durch den Klimawandel die größten Probleme haben werden. (S.89)

Wahrscheinlich wird Ebert nie verraten, was ihm als eine für die Bangla Deshis sinnvolle Zuwendung vorschwebt. Er denkt wohl, mit einem Studium der Physik und dem bereits zitierten Seitenhieb auf "Leute wie Al Gore" ist sein Anspruch auf Kenntnis von Mensch, Planet und All überzeugend formuliert. Vince Ebert entgeht obendrein wie er selbst Argumente liefert, dass menschliches Verlangen nicht ohne Vorbehalt als Befehl oder Anspruch gelten kann. So führt er ein paar Makel an, mit welchen die Evolution den Homo sapiens hervorgebracht hat. Etwa jenen, dass das irgendwie Mögliche die Wahrnehmung des Wirklichen beeinträchtigt.

Fatalerweise sprudelt die chemische Glücksdusche nicht etwa dann am stärksten, wenn die Kugeln bereits erfolgreich gefallen sind, sondern während sie fallen. Der neurologische Kick liegt also weniger im Gewinnen, sondern im Zocken. Eine Weisheit, die Lotttogesellschaften und Spielbanken offenbar von Konfuzius übernommen haben: "Der Weg ist das Ziel." Dadurch wird auch klar, dass es Spielsüchtige gibt. Denn der Gewinn ist unserem körpereigenen Belohnungssystem nicht so wichtig. (S.24)

Der Mensch nimmt demnach nichts objektiv wahr, sondern spürt unentwegt der Frage nach, ob sich Änderungen günstig oder ungünstig auf sein Dasein und Wohlbehagen auswirken werden. Daraus ergibt sich zum einen die Findigkeit, die ihn auszeichnet. Sein ewiges Getrieben-Sein ist die Kehrseite der Medaille. Das Größere, Prächtigere, Schnellere zieht ihn in seinen Bann.

Wer von diesen Schwäche erfährt oder schon vorher durch fernöstliche Weisheit auf den Pfad der Mäßigung gelenkt worden ist, reißt sich manchmal zusammen und relativiert sein Begehren. Wer in seine Überlegungen noch die Endlichkeit der Erde und kommende Generationen einbezieht, der findet sich wieder bei "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome. Worin vor knapp vierzig Jahren darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Bodenschätze und Energie nur begrenzt verfügbar sind. Aus diesem Bericht abzuleiten war auch, dass Fragen um die Abfälle der Zivilisation, der Industrie, der Energiewirtschaft - wir sprechen von Atommüll und, schon wieder, von Kohlendioxid - nicht zu vertagen, sondern mitzubedenken sind.

Auch noch an anderer Stelle ist es Vince Ebert selbst, der auf die von ihm gepriesene individuelle Freiheit einen Schatten fallen lässt. Er führt ein Verhaltensmuster an, das fragen läßt, wo denn diese Freiheit ist, die es vor der Beschneidung durch sauertöpfische Ökologen zu schützen gilt:

Schon Sigmund Freud wusste: Der Mensch entscheidet vollkommen anders, als er denkt. Das hat sich mittlerweile auch in der Werbung herumgesprochen. Seit Jahren kennt man in der Marktforschung das sogenannte Pepsi-Dilemma. Man bestellt beim Kellner eine Cola. "Nee, wir haben leider nur Pepsi!" "Och - dann lieber Mineralwasser." Interessant dabei: Wenn Testpersonen nicht wissen, ob sie Coke oder Pepsi trinken, bevorzugt der Großteil von ihnen Pepsi. Wird ihnen jedoch vorher der Markenname gezeigt, entscheiden sich die meisten für Coke. Als man diese Menschen nun während des Tests in einen Computertomographen schob, fand man heraus, das der pure Anblick des Coke-Logos den Teil unseres Gehirns stimuliert, der für unser Selbstbild verantwortlich ist. Mit der Marke Coke werden also positive Selbstwertgefühle verbunden. Und die sind uns offenbar wichtiger als Geschmack. (S.141)

Demnach ist es mit der Freiheit so weit nicht her und der Mensch als Konsument tendenziell ein dressierter. Tröstlich zu wissen, dass jeder an einer anderen Stelle unzurechnungsfähig ist. Ich zum Beispiel schaue mir einen Porsche nicht ungern an. Doch als Fahrzeug, welches Fahrer und Insassen optional mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 in fünf Sekunden in die Sitze drückt, lässt er mich kalt. Ob er mitunter bei 250 auf der linken Spur der Autobahn Vince Ebert angenehm stimuliert, vertraut er seiner Leserschaft nicht an. Verbuchen wir es als Buhlen um die bessergestellten Kreise, wenn er das Bewegen eines Porsches und ein Grundbedürfnis auf eine Ebene stellt:

Angenommen, Sie haben einen Porsche Cayenne und fahren im Monat 1000 Kilometer. Damit blasen Sie etwa 400 kg CO2 in die Luft. Diese immense Menge können Sie ganz leicht wieder einsparen, und zwar durch - Atmung! Ich habe es ausgerechnet: Wenn ich 35 Minuten die Luft anhalte, kann ich dafür mit einem Cayenne CO2-frei zum Bäcker fahren. Man muss eben auch mal kleinere Brötchen backen. (S. 86)

Stefan Raab preist Vince Ebert "er sei der Einzige, bei dem zwischen Comedy und Physik die Chemie stimmt." Dass der Physiker aber in der Chemie nur dilettiert, erweist das Dreisatzrechnen mit Brötchen, Sprit und CO2. Die behauptete Entsprechung von 1000 Kilometer Fahrgenuss und 35 Minuten normalen menschlichen Stoffwechsels hält einer Überprüfung selbst dann nicht stand - wenn Eberts Zahlen auf irgendwie sinnige Art und Weise komplettiert sind; nämlich mit einem Tag, also 24 Stunden als Bezugszeitraum für Nahrungsbeschaffung und die Übung des Atmungsverzichts. Wieviel weniger CO2 atmet also ein Mensch aus, der täglich nur 23,5 Stunden leben mag? Eine überschlägige Rechnung kann von 2000 kcal pro Tag als angemessene Energiezufuhr für einen Mann ausgehen. Er nehme diese Energie in Form reinen Zuckers zu sich, von dem 100 Gramm rund 400 kcal haben. Der Mann würde seinen Energiebedarf demnach mit 500 g Zucker decken und bei nach 23,5 Stunden abgestellten Stoffwechsel nur 490 g Zucker brauchen, also zehn Gramm täglich einsparen. Auf den Monat hochgerechnet wären das dreihundert Gramm Zucker. Bei der Verbrennung dieser Menge entstehen - egal, ob der Zucker in einem Organismus verstoffwechselt oder wortwörtlich verbrannt wird - nicht 400 Kilogramm, sondern rund 470 Gramm Kohlendioxid. Vince Ebert liegt mit seiner Rechnung demnach um drei Zehnerpotenzen falsch. Kein Fundament, um vor mit "gekoppelten nicht-linearen chaotischen Systemen" hantierenden Klimaforschern zu warnen. Im Kapitel "Alles heiße Luft" rät er ein:

Egal, ob sie eine Versicherung abschließen oder die Welt retten wollen - lesen Sie vorher auf jeden Fall das Kleingedruckte. (S.87)

Sollte Vince Ebert mit seiner Porscherechnung nicht von vornherein auf ein Kohlendioxid-Hütchenspiel aus gewesen sein, stünde ihm, der sich bei Behandlung eines linearen Zusammenhanges, also dem Dreisatz, als nicht ganz sattelfest erweist, das Backen kleinerer Brötchen an. Orientiert am Faktor 1000 seiner Mißkalkulation, wären für's nächste stecknadelkopfgroße Brötchen sein Geschäft.