Radio Okerwelle
Markus Hiereth Radio Okerwelle, Braunschweig
© Markus Hiereth
www.hiereth.de
aktuell/0907hb72_2
10.2009

Pandoora spezial vom 18.10.2009
VILLA LÖBBECKE - TU-GÄSTEHAUS - HAUS DER STIFTUNGEN II

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-01.mp3
2 MByte / 1 min 55 s

Sendungseröffnung

Hallo bei Pandoora Spezial, der Themensendung auf Okerwelle 104,6. Bei der heutigen Ausgabe wird man auch darüber streiten können, ob es sich um ein Kulturthema handelt, ja, es ist sogar wahrscheinlich, dass die finanzielle, gesellschaftliche und kommunalpolitische Aspekte zusammen den kulturellen überwiegen. Aber im Zentrum ist doch ein Gebäude unter Denkmalschutz, die Villa Löbbecke auf dem Grundstück Inselwall 11.

Viele kennen sie als Postkartenmotiv [1], als Haus mit Turm und Arkaden auf einem Hügel im Inselwallpark. Darin wohnten rund vier Jahrzehnte Wissenschaftler aus aller Welt, die für einige Monate an der Universität forschten und lehrten. Der Braunschweigische Hochschulbund betrieb dieses Gästehaus und ihm gehörte es bis in den Sommer. Es soll im kommenden Jahr baulich saniert werden und dann in anderer Weise genutzt werden.

In dieser Sendung werden in zwei Interviews Positionen zu den Veränderungen umrissen, des weiteren zeichnet der Architekt die Umstände der 1960er Jahre nach, in denen die Idee eines Wissenschaftler-Gästehauses geboren und umgesetzt wurde. Redakteur dieser Sendung ist Markus Hiereth, am Mikrofon begrüßt Sie Wolfgang Rettke.

Bass5 - Pleite

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-03.mp3
6 MByte / 5 min 55 s

Sendungsausschnitt 03

Die in diese Sendung eingebrachten Informationen sind naturgemäß unvollständig. Als Redakteur werde ich nicht Ausgewogenheit in Anspruch nehmen. Zwar gibt es mindestens vier Perspektiven, unter welchen die Veränderungen um die Villa gesehen werden können. Doch nur einer der Akteure war zu Gesprächen bereit: Der Vorstand Braunschweigischen Hochschulbundes. Eben von Mitgliedern dieses Vereins, der Forschungsleistungen an der Braunschweiger Hochschule finanziell fördert und auszeichnet, kam die Anregung, den Verkauf des TU-Gästehauses [2] zum Gegenstand der Berichterstattung zu machen. Ein erstes Interview führte ich am 2. September mit Harald Wagner und fragte ihn zuerst, in welcher Beziehung er zu dem Haus stehe.

hw0010 Ich war von 2000 bis 2003, dem Zeitpunkt meiner Pensionierung als Kanzler der TU, Protektor des Hauses und habe die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Hauses betreut und die Vermietung. mh0033 Hochschulbund erklärt, es sei ein Sanierungsobjekt. Wie schätzen Sie diese Aussage ein? hw0045 Ich habe gewisse Zweifel, ob das wirklich so ist. Es gibt Sanierungsbedarf, das ist Wasser und Abwasser. Möglicherweise auch das Dach, obwohl das in den 90er Jahren erst erneuert worden ist. Was darüber hinaus an Kosten entsteht, scheint mir zweifelhaft zu sein. mh0106 Sie haben die Zahlen verfolgt. Wie verhielten sich Einnahmen und Ausgaben? hw0117 Wir haben Jahr für Jahr Überschüsse erzielt. Bis kurz vor meinem Ausscheiden war ein Guthaben von deutlich mehr als 100000 Euro vorhanden. mh0130 Wie war die Tendenz? hw0132 Die Tendenz war rückläufig, wegen der steigenden Energiekosten, die durch Mieterhöhungen nicht aufgefangen werden konnten, weil man bei der Festsetzung der Miete auf die Höhe der Stipendien der Gastwissenschaftler Rücksicht nehmen musste, wie das auch von der Humboldt-Stiftung, die das Haus seinerzeit, 1968 gefördert hat, verlangt wurde. mh0153 Welches Gewicht hat das Haus. Wie schätzen Sie die Proportionen ein? hw0216 Für mich war das Gästehaus das wichtigste Förderungsobjekt überhaupt. Es war international bekannt, es war sehr gut angenommen. [...] Gastwissenschaftler aus Indien und anderen Ländern sind hierhergekommen, um ihren Kindern zu zeigen, in welcher Stadt sie geboren wurden und wo sie in den ersten Jahren aufgewachsen sind. mh0252 Die Entscheidung, das Haus zu verkaufen wurde den Mitgliedern vor der Versammlung im Juni 2009 mitgeteilt. Wie haben Sie die Entscheidungsprozesse als Mitglied begleiten können? hw0318 Der Verkauf war im Jahr 2008 in Erwägung gezogen. Vieles deutete darauf hin, dass das Haus verkauft wird. Im Jahr 2008 in der Mitgliederversammlung hat es Gegenstimmen gegeben. Ebenso wurde dann in 2009 kritisiert, dass das Haus kurz vor der Mitgliederversammlung verkauft worden ist. Eine echte Beteiligung der Mitglieder hat es nicht gegeben. War aber satzungsgemäß auch nicht erforderlich.

Die Themensendung Pandoora spezial setzt sich heute mit der Villa Löbbecke, dem ehemaligen Gästehaus der Technischen Universität Braunschweig auseinander. Unser Interviewpartner ist Harald Wagner, Mitglied im Hochschulbund und bis zur seiner Pensionierung in diesem Gebäude wohnend und es verwaltend. Das Gebäude gehörte dem Braunschweigischen Hochschulbund, der erklärte, das Objekt sei aufgrund des Sanierungsbedarfes nicht zu halten gewesen. Markus Hiereth fragte Harald Wagner, ob das nötige Geld nicht auch von Mitgliedern und Spendern erbracht hätte werden können.

mh0913 In einem Zeitungsartikel war das neue Präsidium des Hochschulbundes vorgestellt worden und eines wurde unterstrichen: Es verstand sich als Gremium, das Mittel einwirbt. Wie erklären Sie sich, dass es für das Gästehaus nicht möglich war, dass man es in der Nutzung nicht erhalten kann? hw0949 Als das Haus errichtet wurde, haben die Hochschulfreunde 300000 DM aufgebracht als Teil der Baukosten. Ein Aufruf an die Mitglieder, etwas für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, ist sicher nicht geschehen. hw1005 Es ist auf der anderen Seite sehr schwierig, dafür Geld locker zu machen. Mir ist es in den 90er Jahren gelungen, eine Summe von etwa 125000 DM für Sanierungsmaßnahmen an der unter Denkmalschutz stehenden Südfassade zu bekommen. Das war ein mühsames Laufen von Adresse zu Adresse, bis es mit Hilfe eines Abgeordneten gelungen ist. hw1057 Es ist aus diesen Mitteln auch das Dach saniert worden damals.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-04.mp3
2 MByte / 1 min 17 s

Sendungsausschnitt 04

Insofern war es erstaunlich, dass in der Presse [3] und auch in späteren Interview das undichte Dach als einer der gravierenden Baumängel angesprochen wird. Im Sanierungsgutachten von Dezember 2007 wird bezüglich des Daches von einem guten Zustand gesprochen und in der Aufstellung der Sanierungskosten erscheint es nur mit 4000 Euro.

Für ihren jüngsten Artikel zum ehemalige TU-Gästehaus vom 11. September schnappte die Braunschweiger Zeitung dankbar die Zahl 1,5 Millionen Euro auf und weist die Summe als geschätzte Sanierungskosten aus. Tatsächlich handelt es sich um die Kosten für Sanierung und den Umbau für die neuen Zwecke. Und nebelhaft geriet auch die Passage über das TU-Gästehaus in dem im Juni 2009 vorgelegen Jahresbericht des Braunschweigischen Hochschulbundes.

Im Frühsommer 2008 wurde dem Präsidium und dem Vorstand [...] ein Konzept vorgelegt, welches wir nach intensiven Gesprächen und Verhandlungen für tragfähig und zukunfsweisend erachtet haben. Und nach sorgfältigen Überlegungen [wurde] dem Verkauf zugestimmt.
Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-05.mp3
2 MByte / 2 min 06 s

Sendungsausschnitt 05

Eine bloße Hülse ist das Wort Nutzungskonzept hier, da nach einem Verkauf die Regie in Sachen Nutzung selbstverständlich der anderen Seite zufällt. Harald Wagner teilt diese Logik.

hw0422 Ein Konzept für das Haus ist nicht kommuniziert worden. Im wesentlichen wurde kommuniziert, dass die Hochschule Ersatzwohnungen für Gastwissenschaftler gefunden habe. hw0435 Ansonsten hat der Hochschulbund mit dem Haus nichts mehr zu tun. Deswegen kann man auch nicht von einem zukunftsfähigen Nutzungskonzept, was man mit dem Haus in Verbindung bringt, sprechen. mh0450 Der Hochschulbund ist Eigner der Gebäudes, das Grundstück gehört der Stadt Braunschweig. Welche Rolle hat die Stadt in diesen Veränderungen? hw0502 Die Stadt musste darauf achten, dass die Bedingungen, unter denen das gesamte Gelände, nicht nur die Villa, sondern der Inselwallpark nach der Gründung des Landes Niedersachsen übereignet wurde, eingehalten werden. Das scheint mir der wichtigste Grund zu sein. Hier ist vorgesehen, dass das Haus nur für gemeinnützige Zwecke genutzt werden dürfe. mh0532 Es steht in Frage, ob diese Auflagen den Kaufpreis gemindert haben oder nicht. hw0555 Es hat ein Wertgutachten gegeben. Verkauft worden ist es für einen Betrag von 50000 Euro oberhalb dieses Gutachtens. mh0605 Halten Sie es für angemessen? hw0607 Ich kenne es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es ein Bieterverfahren gegeben hat. Ich kenne die Umstände, weshalb man sich für dieses Angebot entschieden hat, nicht. Ich bin allerdings immer skeptisch gewesen, ob man überhaupt Käufer findet angesichts der Einschränkungen hinsichtlich der Nutzbarkeit des Gebäudes, Stichwort Gemeinnützigkeit.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-06.mp3
1 MByte / 52 s

Sendungsausschnitt 06

Eine nähere Untersuchung dieses Aspektes erwies sich als schwierig. Die Annahme, dass ein Jahrzehnte alter Vertrag [4] zwischen dem Land Niedersachsen und der Stadt Braunschweig selbstverständlich zur Recherche eingesehen werden könne, erwies sich als Illusion.

Das Ersuchen um Einsichtnahme löste einen Anruf aus dem Rathaus bei der Geschäftsführung dieses Senders aus. Es war nicht möglich, den Beweggrund für den Kontakt auf dieser Ebene zu eruieren. Das Redaktionsstatut [5] von Radio Okerwelle lässt hier allerdings eine Einwirkung auf die Arbeit redaktioneller Mitarbeiter nicht zu.

Dieses Statut können Sie übrigens im Wikipedia-Artikel zu Radio Okerwelle herunterladen und einsehen. Rücksprache mit nicht ehrenamtlich arbeitenden Medien ergab, dass Journalisten oft erst unter Einbindung von Justiziaren des Senders oder des Zeitungsverlages die Vorlage heikler Dokumente erreichen.

Bubbley Kaur - Topknot

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-08.mp3
4 MByte / 4 min 40 s

Sendungsausschnitt 08

Sie hören Pandoora spezial über die Villa Löbbecke, das ehemalige Gästehaus der TU-Braunschweig. Justus Herrenberger hat es geplant. Ich konnte mich mit ihm verabredeten und ließ mir eine Vorstellung vom Nachkriegszustand des Geländes am Inselwall geben.

jh0020 Kostbarstes Wohngebiet. Riesige Grundstücke. Bankier Löbbecke. In der Nazizeit wohnte dort der Nazi-Oberbürgermeister Hesse. Krieg zerstört. Abbruch bereit. Damaliger Ratsherr Kohl. Abriss verhindern durch Nutzen. Ich war damals Dekan bei den Architekten in der Hochschule. jh0120 An einer Sitzung zum Schluss sagte Rektor am Schluss: Da ist noch was: Da will die Volkswagenstiftung mit dem Wissenschaftsrat die Hochschulen fragen, ob sie bereit wären, Gästehäuser zu bauen. Die dann mit ihren Familien einige Monate dort leben könnten. jh0146 Ich weiß was, habe ich dann gesagt. Habe vorgeschlagen, die Villa Löbbecke auszubauen. Die Stadt wurde angesprochen. Man war begeistert, weil es auch das Makel, den die SPD durch den Schlossabriss auf sich gezogen hatte, mildern könnte, wenn man versucht, eine Ruine doch zu retten. mh0216 Was hat die Stadt für eine Rolle gespielt? jh0219 Die hat in Zusammenhang mit dem Schlossvertrag das Gelände, das ursprünglich dem Lande Niedersachsen gehörte, bekommen. jh0233 Nun war das natürlich ein Problem: Wie sollte man auf städtischen Gelände ein Gebäude, was wiederum der dem Lande Niedersachsen zugehörigen Universität nutzte, hinkriegen, rechtlich? jh0250 Da haben die Juristen von 1963 bis 1966 gearbeitet um einen solchen Vertrag aufzustellen? mh0259 Was war denn die Lösung? jh0303 Das Gelände wurde eingezäunt und es wurde ein Erbpachtvertrag geschlossen, zwischen Stadt und Land Niedersachsen und ... es war auch dann [...] die Nutzung musste auf jeden Fall gemeinnützig sein, nicht privat und gewerblich. mh0325 Heute kennt man das als Park. War das damals wilder Acker? jh0336 Es waren die kostbarsten Grundstücke und dadurch dass die [...] zusammenhängen [...] mit dem großen Vorteil, dass dadurch ein Erholungsgebiet bis an die Oker möglich war. Bei der Entfestigung Grundstücke an reiche Bürger, dadurch Rundweg an der Oker nicht mehr möglich. jh0422 Dadurch ist ein wunderbares Erholungs- und Spaziergelände entstanden. Ich musste dann natürlich auch bei meinen Planungen dafür sorgen, dass die Bürger doch noch in das Grundstück kommen konnten. Das Erhalten des Zaunes erleichterte das.

In einem zweiten Teil des Gesprächs mit dem Architekten Justus Herrenberger folgen Fragen nach Moden in der Bautätigkeit unserer Zeit und der Problematik des Gebäude-Erhalts, auch im Bezug auf die Villa Löbbecke, um die es in Pandoora spezial heute geht. Zuvor jedoch Musik.

Ludovico Spiess - La vucchella

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-11.mp3
5 MByte / 4 min 50 s

Sendungsausschnitt 11

mh0521 Was haben Sie denn für eine Haltung zwischen Moderne und Historie in der Architektur. Ich habe jetzt den Eindruck, dass wir in einer komplett historischen Phase sind: Schlossfassade. Narben, die geschlagen wurden und einen Krieg ungeschehen zu machen, zumindest optisch. jh0555 Ich habe weder Einstellung noch irgendwelche Prinzipien. Vater: "Prinzipien ist das Eingeständnis fehlender Intelligenz im Einzelfalle". Es ist mir wurscht, ob ich nun als historischer Kitschonkel bezeichnet werde. Ich habe immer gemacht was mir Spaß machte und was möglich war. mh0913 Josef Peter Krahe Preis 1969 für die Architektur jh0922 Erhaltung einer Ruine und Verbindung mit Neubauten, die zwar modern, aber nicht unharmonisch sind. Dann auch die Tatsache, wie man eine solche Ruine durch Nutzung retten kann. mh0617 Lag das auf der Hand, dass der Auftrag auch an Sie geht? jh0627 Jaja. Weil ich ja den Gedanken angeregt habe, habe ich selbstverständlich gleich den Entwurf gemacht, was man machen könnte und habe dann vom Träger des Gästehauses, das ist der Hochschulbund, den Auftrag bekommen, es zu machen. mh0645 Sind Sie dann selber auch im Hochschulbund gewesen. Gute Beziehungen gewissermaßen. ja0654 Ich kannte natürlich den Leiter, Professor [Kulenkamp], Feinmechaniker. Wir haben uns gut verstanden. Das Gästehaus ist dadurch besonders gefördert worden, weil wir in diesem Gästehaus zugleich als Verwalter eine Wohnung für den Kanzler einbauten. jh0723 Der Kanzler war ein hervorragender Jurist, der auch bei diesen Verträgen mitgewirkt hat, der war nachher -und seine Frau- das Herz des Hauses, weil die wie Vater und Mutter für die Benutzer wirkten. Die machten wunderbare Veranstaltungen mit diesen zunächst fremden Menschen, und es gibt wunderbare Erinnerungsbriefe an die Zeit im Gästehaus. mh0825 Wie denken Sie denn über den Bauunterhalt? Passt man bei Privathäusern besser auf? jh0838 Bei einem Haus, was wie ein Hotel benutzt wird, sind die Abnutzungserscheinungen einfach größer. Außerdem sind die Wärmeschutzbedingungen heute viel höher, als zu der Bauzeit, so dass einfach ein großer Aufholbedarf entsteht. Weil wir bei diesen Reparaturen auch die Standards der Gegenwart erreichen muss. Das ist schwierig und kostet Geld. mh0956 Wenn man grundsanieren muss: Könnte Sie damit leben, dass das innen bis auf die Grundmauern verschwindet und innen ein kompletter Neubau entsteht? jh1017 Das wird nicht möglich ist, weil das Gebäude so wie es ist unter Denkmalschutz steht. Eben durch das Zusammenklinken von alt und neu. Ich habe ja bei dem Wiederaufbau die alten Teile so weit als möglich erhalten und dann die neuen Teile dazugefügt. Und dieses Zwiegespräch zwischen alt und neu, das gehört zum Denkmalschutz-Charakter.

Nach diesem Abstecher in die Vergangenheit eines Gästehauses als architektonische Perle in reizvollem Park zurück in die Gegenwart der Sachzwänge, zu einem Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden des Braunschweiger Hochschulbundes. Dieses fand am 22. September statt, nachdem der angekündigte Pressetermin mit Stadt, der Hochschulbund und der Käufer nicht angesetzt wurde. Zuvor aber Musik.

David Gray - Babylon

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-13.mp3
4 MByte / 4 min 23 s

Sendungsausschnitt 13

mh0117 Herr Professor Vörsmann, Sie sind Vorsitzender des Vorstandes des BHB. Welche Gründe haben den Vorstand zur Aufgabe des Gästehauses veranlasst. pv0146 Der Braunschweigische Hochschulbund ist in den letzten Jahren nicht in der Lage gewesen, die immensen Investitionen aufzubringen, die nötig sind, um dieses Gästehaus auf den neuesten Stand zu bringen. Sanierungsfall. [...] Und es ist auch nicht die Kernaufgabe, ein Gästehaus zu betreiben. Wir wollen die Universität mit Projekten, die nicht aus Landesmitteln gefördert werden können, unterstützen. mh0238 1968 errichtet. Ein Viertel vom Hochschulbund, drei Viertel von Stiftungen. Hat sich die Zielsetzung verändert? pv0255 Nein, gleich geblieben: Wir fördern die Carolo Wilhelmina wo immer wir können. mh0424 Die Bilanz soll ausgeglichen gewesen sein. Haben Sie selber geschrieben, in Berichten. pv0440 Sie ist definitiv danach nicht mehr ausgeglichen gewesen, weil wir immense Notreparaturen durchführen mussten. Das betraf Rohrsysteme, das Dach ist undicht ohne Ende. Wir haben sehr viel Geld ausgeben müssen und wir haben gesehen, dass wir noch mehr Geld ausgeben müssten. mh0638 Gastwissenschaftler haben auch einen anderen Eindruck gehabt. Einer, der 2004/ 2005 im Gästehaus wohnte, hat gesagt, nein, das ist nicht mein Eindruck. pv0658 Es ist ja nicht nur eine Wohnung in diesem Gästehaus. Es gab Wohnungen, da war der Zustand unhaltbar. Wir haben die in den letzten ein, zwei Jahren gar nicht mehr vermietet. mh1848 Internen Aufruf an die Mitglieder? pv1902 Nein, also der große Geldgeber vor dreißig Jahren ist die Volkswagenstiftung gewesen. Natürlich haben wir mir der Volkswagenstiftung gesprochen. Das ist aus der Historie der erste Ansprechpartner gewesen. Keine Möglichkeit, dieses Gebäude im Rahmen der Volkswagenstiftung voranzubringen. Wurde uns klar gesagt. pv1101 Keiner von potentiellen Betreibern hat gesagt, wir können uns vorstellen, dieses Haus zu betreiben. Nachdem alle diese Gespräche unergiebig verlaufen sind, hatten wir keine andere Wahl als gemeinsam mit der Stadt eine Lösung zu finden.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-14.mp3
2 MByte / 2 min 02 s

Sendungsausschnitt 14

Es sind zwei Korrekturen anzumerken: Harald Wagner, der im vorherigen Interview die Verkaufsentscheidung kritisiert hatte, erklärte in einem späteren Telefonat, er habe dem Hochschulbund-Vorstand einen Interessen zum Weiterbetrieb des Gästehauses genannt und vermitteln wollen. Des weiteren erklärte ein vom Hochschulbund angesprochener Betreiber, der Übernahme der Kosten für die Sanierung sei der springende Punkt gewesen.

Die Volkswagen-Stiftungen erklärte, ihre Richtlinien ließen es nicht mehr zu, dass Zuwendungen einer Haussanierung zugute kämen. Ihre Förderung Mittel seien streng für die Wissenschaftsförderung bestimmt.

Eine glatt unkorrekte Lesart dieses Bescheides der in Hannover ansässigen Stiftung drängt sich auf, wenn man sich die unter Fußballfans, aber auch im Braunschweiger Rathaus gepflegte Rivalität zur Landeshauptstadt vergegenwärtigt. Denn dort wird jetzt schlosstechnisch nachgezogen: In einer Presseinformation vom 06. Juli 2009 heißt es unter der Überschrift "Schloss Herrenhausen: Erster großer Schritt für Wiederaufbau ist getan"

Gemäß dem Erbbaurechts- und Mietvertrag überlässt die Landeshauptstadt der stiftungseigenen Gesellschaft das Grundstück im Großen Garten für 99 Jahre. Ein Erbbauzins wird nicht erhoben. Das an mindestens hundert Tagen im Jahr von der VolkswagenStiftung für wissenschaftliche Veranstaltungen genutzte Tagungszentrum wird durch ein Museum ergänzt, das darauf zielt, die - unter anderem mit dem Namen Gottfried Wilhelm Leibniz verknüpfte - besondere kultur- und geistesgeschichtliche Bedeutung des Ortes zu dokumentieren.

Recht augenscheinlich wird da eine neue Neigung von Stiftungen, sich über Architektur selbst darzustellen: An der Leine üppig-absolutisch, an der Oker in großbürgerlichen Villen. Um solche glänzenden Bestrebungen, aber auch die trübe Gegenwart, dreht sich der nächste Ausschnitt aus dem Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden des Braunschweigischen Hochschulbundes, Peter Vörsmann.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-15.mp3
4 MByte / 3 min 48 s

Sendungsausschnitt 15

mh0834 Wie ist das im Hochschulbund vermittelt worden. Gab es etwa Begehung mit Mitgliedern? pv0856 Jährlich dort Mitgliederversammlung. Die Mitglieder denke ich haben sehen können, wie der Zustand der Außenfassade ist. Nach Versammlungen noch Kaffee und Bier getrunken. Da konnte jeder sehen, dass das Gebäude einer Renovierung bedarf. mh1017 Warum hat man den Verkauf wenige Tage vor der Mitgliederversammlung von 2009 vollzogen? pv1028 Das Thema ist auch in der vorangegangenen Mitgliederversammlung als eine Option vorgestellt worden. Es ist keine Überraschung gewesen. pv1101 Nachdem alle diese Gespräche unergiebig verlaufen sind, hatten wir keine andere Wahl als gemeinsam mit der Stadt eine Lösung zu finden. pv1211 Der Braunschweigische Hochschulbund konnte ja gar nicht sagen, "Ich verkaufe an xy oder wen auch immer". Denn im Erbbauvertrag ist die Stadt diejenige, die entscheidet, wie mit einem potentiellen, oder mit dem Verkauf umgegangen wird. mh1226 Also das heißt, die Stadt hat entschieden, an wen verkauft wird. pv1234 So kann man das auch nicht sagen. Wir haben gemeinsam mit der Stadt ein Konzept erarbeitet, wie kann dieses Gebäude für Braunschweig genutzt werden. pv1339 Dieses Haus wird Stiftungen beherbergen und somit auch für einen gemeinnützigen Zweck im braunschweiger Raum wirken. mh1355 Die Stadt hat mich auch stimuliert, hartnäckig zu bleiben, denn zu erklären, "Bis zum Unterschreiben geben wir keine Stellungnahme ab", ist bedenklich. pv1424 Das mag ja sein. Bei einfachem Vertrag. Hier ist es aber so, dass mehrere Dinge gleichzeitig zu regeln sind. pv1450 [...] Wir waren nur Besitzer des Gebäudes mit ein paar Quadratmetern rechts und links, was für einen Investor völlig uninteressant gewesen ist. Ich kann nicht an die Öffentlichkeit gehen, wo der Investor auch Gespräche mit der Stadt hat, wo diese Seiten Vertraulichkeit vereinbaren.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-16.mp3
1 MByte / 1 min 11 s

Sendungsausschnitt 16

Der Verkehrswert der Villa Löbbecke wurde in einem Gutachten bestimmt.

Das ist vom Braunschweigischen Hochschulbund in Auftrag gegeben und nicht als alleiniges Gutachten im Raum gewesen. Sondern dieser Wert wurde von der Stadt Braunschweig bestimmt. mh2036 600000 Euro. Ich habe mich gewundert über die Zahl. Das ist überschlagsmäßig drei Eigentumswohnungen. Also niedrig. Hat sie das überrascht? pv2054 Nein, überhaupt nicht. Weil, wenn sie da nur sanieren, hatten wir ihnen schon eine Zahl genannt. Aber wenn Sie mehr machen wollen, also auch für andere Zwecke nutzen wollen, dann sind sie mit hohen Investitionssummen dabei. Und wenn Sie sich die Quadratmeterzahl von dem Gebäude ansehen, es steht unter Denkmalschutz, wo sie tatsächlich Miete erlösen, dann können wir froh sein, dass wir so viel Geld bekommen haben.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-17.mp3
2 MByte / 1 min 52 s

Sendungsausschnitt 17

Es heißt, eine in der Hochschulbund-Geschäftsstelle angestellte Person sei eng verwandt mit dem Käufer. Dieser Sachverhalt wurde vom Käufer bislang weder dementiert noch bestätigt. Der Hochschulbund unterstreicht das beiderseitige Vertrauen.

pv1234 Weiterhin wird der BHB dort präsent sein. Die Anlaufstelle ist die Löbbecke Villa. Räumlichkeiten, zum Beispiel für Veranstaltungen, werden der öffentlichkeit weiter zugänglich gemacht. mh2132 Haben Sie denn Bedarf. Was machen Sie mit Ihrer Geschäftsstelle? Sie sind ja in der Geysostraße. Sie brauchen ja gar keinen Standort in der Villa Löbbecke. Das ist kein Angebot, was attraktiv wäre. pv2148 Natürlich ist es so, dass es dort kleinere Einheiten gibt. Wir brauchen zwei bis drei Räume für unsere Geschäftsstelle, die können wir dort anmieten. Wir haben auch immer unseren Mitgliedern gesagt, wir wollen auch aus der Geschichte heraus in dieser Geschäftsstelle präsent sein. mh2332 Der Mietvertrag, den Sie schließen. Ist der fixiert? Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen? pv2342 Davon können Sie ausgehen. mh2347 Also, ist es schriftlich? pv2352 Wir haben jetzt keinen Mietvertrag unterschrieben, aber wenn wir keine vergleichbaren Konditionen haben, und das weiß auch der Investor, bleibe ich in der Geysostraße.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0910hb-18.mp3
3 MByte / 2 min 43 s

Sendungsausschnitt 18

Eine Auseinandersetzung mit "unüblichen" und "üblichen Konditionen" könnte wiederum die Stadt in Erklärungsnot bringen. Sie hätte für das Objekte eine öffentliche, also in der Tendenz ertragsarme Nutzung zu gewährleisten. Wenn nun ihr Vertragpartner zu üblichen Konditionen Büros in der Villa vermietet und sie selbst übliche Erbpachtzinsen für das Grundstück bezieht, verletzt sie den Vertrag, durch den sie in Besitz des Grundstückes kam. Die ins Auge gefasste Nutzung gab die Braunschweiger Zeitung in ihrem "TU-Gästehaus verkauft" überschriebenen Artikel wieder.

Der Projektentwickler plant in dem denkmalgeschützten Gebäude mit 1100 Quadratmetern Nutzfläche auf vier Etagen hochwertige Büroflächen für Stiftungen, Vermögensverwalter, Rechtsanwälte, Notare und Steuerberater. Braunschweiger Zeitung, 11.9.2009

Auf eine Anfrage zu Auflagen der Nutzung im verhandelten Erbpachtverhältnis beschied die Stadtverwaltung, diese seien als Vertragsinhalte vertraulich. Der Käufer wiederum ging auf eine am 7. Oktober vorgebrachte Bitte, seinerseits die Nutzungsauflagen zu umreissen, bislang nicht ein. Ganz leicht zu fassen ist der Begriff "öffentliche Nutzung" nicht. Richtig ist, dass auch das Gastwissenschaftlerhaus kein öffentliches Gebäude war. Doch mit Vermögensverwaltern verkehrt ja wohl nur ein kleiner Teil der Öffentlichkeit. Das gleiche gilt für Stiftungen. Man darf spekulieren, ob der Nimbus dieser gemeinnützigen Einrichtungen vielleicht die Transaktion aufhübschen soll.

Eine fundamentale Überlegung führt zu der Ansicht, dass Mieten für Stiftungen Betriebskosten sind, also die Effektivität, mit der eigentliche Stiftungszweck verfolgt werden kann, mindern. Eine Stiftung sollte eher mit den von ihr geförderten Projekten punkten als über die Selbstdarstellung mittels Anschrift und die Lage ihrer Büros. Zumal dieser Ansatz für Braunschweig nicht innovativ ist. Wenn für die Villa Löbbecke als einem "Haus der Stiftungen" geworben wird, drängt sich die Frage auf, ob es dafür von neuem Bedarf gebe. Schließlich verwandelte man die Villa Gerloff am Löwenwall [6], einst Abteilung des Städtischen Museums, auch in ein Haus der Braunschweiger Stiftungen.

Sendungsabschluss

Sie hörten Pandoora spezial über Vergangenheit und Zukunft der Villa Löbbecke. Eine Ausstrahlung erfolgte laut Redaktionsstatut von Radio Okerwelle auf einem Sendeplatz unter redaktioneller Verantwortung der Fachredaktion Kultur. Redakteur war Markus Hiereth, als Sprecher verabschiedet sich des weiteren Wolfgang Rettke.

Vivid - Still

Anmerkungen und Verweise

1
Von M. Prinke aufgenommene Fotos der Villa Löbbecke und des Grundstückes finden sich bei Flickr.
2
Innenräume und ehemalige Nutzung des Gästehauses stellt ein Artikel auf den Internetseiten der TU Braunschweig dar.
3
Bericht "Hochschulbund kämpft um das TU-Gästehaus" von Jörn Stachura in der Braunschweiger Zeitung vom 25.11.2008.
4
Die Bestimmungen dieses Vertrages von 1959 sollen mit jenem Vertrag vergleichbar sein, durch welchen im Jahr 1955 die Stadt Braunschweig Besitzerin des Geländes wurde, auf dem das schwer kriegsbeschädigte Residenzschloss stand. Die Auflagen zur weiteren Verwendung des Areals stellt der Notar und Rechtsanwalt Norbert Große Hündfeld in einem Gutachten dar.
5
§1 und §2 dieses Redaktionsstatutes sollen eine freie und sachliche Berichterstattung gewährleisten. Die Rechte und die Einbindung des vom Trägerverein bestellten Geschäftsführers werden in §1(2) und in §5 des Statuts benannt. Diese ergeben sich im wesentlichen durch die Mitgliedschaft im Programmrat, welchem die kurzfristige Sendezeitvergabe, die Anerkennung redaktioneller Mitarbeitern sowie die Sicherung der Programmqualität obliegen.
6
Pandoora spezial berichtete am 14.8.2005 über die Umnutzung der Villa Gerloff am Löwenwall. In diesem Gebäude war bis 2002 die Städtische Musikschule und die Formsammlung untergebracht. Es stand dann zum Verkauf. Erworben wurde das Gebäude schließlich von der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, die die Villa Gerloff heute selbst nutzt und die Büroräume an weitere Stiftungen der Region vermietet.