Radio Okerwelle
Markus Hiereth Radio Okerwelle, Braunschweig
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kultur/0809jb4
10.2008

Pandoora spezial 5.10.2008
INSIGHT - FOTOGRAFIEN VON JERRY BERNDT

Sendungseröffnung

Das amerikanische Generalkonsulat ist unter den Förderern der aktuellen Ausstellung des Museums für Photographie in Braunschweig. Das Wappen der USA ziert klein die Rückseite der Einladung zur Vernissage. "Obwohl", läge nah zu denken, denn präsentiert wird nicht die Schokoladenseite des Landes. Das Foto auf der Einladungskarte hält die Essensverteilung an Obdachlose fest. Ein Bereich der Ausstellung zeigt das Dasein am unteren Rand der Gesellschaft der Vereinigten Staaten ungeschönt. Der Autor dieser Aufnahmen heißt Jerry Berndt, lebt inzwischen in Paris und hat als heute 65jähriger ein Werk, das nicht nur aufgrund seines Umfang eine Werkschau rechtfertigt. [...]

Billie Holiday – Travellin' light

[...] Ein ausführliches Gespräch mit dem Fotografen bildet die Grundlage der heutigen Pandoora spezial Sendung, die Ihnen zeitgeschichtliche Hintergründe und den Fotografen selbst näher bringen möchte. Jerry Berndts Entgegnung auf die Frage, wie er zur Fotografie kam, besteht aus einem spröden Faktum in bemerkenswerter Verpackung.

Anhören www.hiereth.de/multimedia/0809jb4-05.mp3
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Sendungsausschnitt

jb1610 Also ging ich zur Abteilung für Anthropologie, weil ich dachte, das läge mir als Fach. Ich stellte mich dem Vorsitzenden dieser Abteilung vor und erzählte ihm, dass ich gerade durchgefallen sei und es im kommenden Jahr nocheinmal probieren wolle, aber einen Job bräuchte. Er fragte mich, ob ich in einer Dunkelkammer arbeiten könne. Ich sagte "Aber sicher mein Herr, das habe ich in der Oberstufe auch schon gemacht", woraufhin er mir den Schlüssel gab und sagte "Da sind alle meine Negative aus Tibet." Ich sagte "Dankeschön." jb1633 Ich sollte ihm richtig große Abzüge von dieser Reise anfertigen. jb1633 Als ich die Dunkelkammertüre das erste Mal öffnete und hineinschaute sagte ich mir "Oh Scheiße, was ist all das Gerümpel hier?" Aber Gottseidank gab es eine richtig große Bibliothek, die Ansel Adams frisch erschienenes Buch zur Fotografie hatte und das holte ich mir. jb1702 Dann ging ich zur Studentenvertretung, und weil das eine richtig große Universität war, war sie auch gut ausgestattet, eben mit einer Dunkelkammer für bis zu zwanzig Studenten. Da traf ich ein paar Leute, die sich auskannten und nach einem Jahr war ich ein ziemlich gut im Fotolabor. jb1732 Dann sagte jemand, warum ich denn nur Abzüge mache, ich könne doch genausogut fotografieren, er würde mir seine Kamera leihen. (deutscher Sprecher: Fritz Köster)

Mit der Kamera arbeitete Jerry Berndt fortan. Seine und die Wege von Muddy Waters kreuzten sich in Chicago, wie Berndt noch erzählen wird. Hier trägt Muddy vor, was er an der Arbeit habe: "Got my mojo working."

Muddy Waters – Got my mojo working

Pandoora spezial stellt Ihnen heute Jerry Berndt vor. Bis zum 2. November präsentiert das Museum für Photographie seine Werke, die oftmals innerhalb von Serien entstanden, welche der Fotograf über Jahre aufbaut. In der Stadtbibliothek treffen Sie die Serie "The Babies" an und eine größere Auswahl von Jerry Berndts atmosphärisch dichten und technisch unkonventionellen Bildern aus Bars an. Kleine Lampenschirme zeigen sich lichtüberstrahlt, eine schwarz lackierte Tischplatte liefert den schwebenden Grund, in dem sich die Füße von Barhockern verlieren. Niedergelassen auf ihnen haben sich Männer, uns den Rücken zuwendend, belegen sie nebeneinander die Theke, das Objektiv ist aufwärts gerichtet, der hochformatige Abzug feiert mit jedem vertikalem Element Licht, das von oben kommt. Nehmen Gin und Brandy, die man in Gläsern auf dem Tresen vor diesen Männern weiß, ein Stück himmlischer Ewigkeit vorweg? Eine Verbindung mit den Verheißungen des Jenseits braucht bei der neuesten Werkserie von Jerry Berndt nicht der Betrachter herstellen.